Cuarto del Rescate

Ein Nachtbus fährt in schlappen zehn Stunden die 300 Kilometer von Chachapoyas nach Cajamarca. Dabei wird der Rio Maranon überquert der wasserreichere, aber kürzere der beiden großen Quellflüsse, die sich bei Iquitos zum Amazonas vereinigen (der dann ab der brasilianischen Grenze wieder Rio Solimones heißt – bis Manaus…. Noch jemand Fragen, warum man in Geographie aufgepasst haben sollte?). Ich krieg die Flussüberquerung nur deshalb mit, weil an der Brücke jemand aussteigt – da wach ich immer auf. Und eine große Brücke vor dem Fenster mit einem großen Fluss drunter fällt dann schon auf. Insofern kann ich mich die nächsten Stunden in die Vorstellung hinein träumen, diesen Fluss bis zu seiner Mündung in den Atlantik zu folgen… Naja – vielleicht ein andermal. Kurz vor Sonnenaufgang rumpelt der Bus dann auf den staubigen Terminal von Cajamarca, wo ich mich dann wieder auf der Qhapaq Nan – der Inka-Höhenstrasse – befinde.

Die Stadt spielt ja im Zuge der Eroberung des Inka-Reiches eine Schlüsselrolle. Hier die Geschichte mal zusammengefasst:

Huyana Capac, 11. Inca, hatte verfügt, dass das riesige Reich zwischen seinen Söhnen, den Halbbrüdern Atahualpa und Huascar, aufgeteilt werden sollte. Nach dem Tod des Vaters hatten die beiden nichts anderes zu tun, als – vermutlich unter den Einflüsterungen der Generäle auf der einen und der Priesterschaft auf der anderen Seite – einen Bürgerkrieg anzuzetteln. King Lear auf präkolumbianisch sozusagen. Nach fünf Jahren Krieg ging Atahualpa als Sieger hervor, ließ Huascar ermorden, ihm die Haut abziehen und damit eine Trommel bespannen…

Nach dem Bürgerkrieg erholte sich Atahualpa mit seinen Truppen in den Thermalbädern bei Cajamarca, als am 15. November 1532 ein Häuflein spanischer Konquistadoren (es sollen weniger als 200 Mann gewesen sein) unter der Führung von Francisco Pizarro in die verlassene Stadt einzog. Der Anblick muss gewaltig gewesen sein: Auf der Ebene zwischen Cajamarca und den Bädern lagerte eine Armee von wenigstens 30.000 Kriegern. Es muss Pizarro klar gewesen sein, dass er mit dieser Übermacht niemals in direktem Kampf fertig werden würde. Allerdings wusste er auch, mit wem er es zu tun hatte und welche Chance diese Gelegenheit bot. Die Spanier hatten allerdings nur zwei Alternativen: zu siegen oder den Tod…

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Blick über Cajamarca nach Banos del Inka (im Hintergrund, am Fuß des Berges). Die große Straße verläuft auf der Trasse der Inkastrasse. In dieser Ebene lagerte Atahualpas Armee

Atahualpa wusste allerdings genauso gut (oder wenig) über die Eroberer Bescheid. Für ihn waren die neuartigen Waffen, die Pferde und auch die fremden Krieger (zumindest ein paar von ihnen wollte er am Leben lassen und in seiner Armee einsetzten) von höchstem Interesse.

Pizarro sandte also Unterhändler aus, die den Inca von den friedlichen Absichten der Spanier überzeugen konnten und ihn bewogen, am nächsten Tag nach Cajamarca zu kommen. Atahualpa ließ sich im Wissen auf seine Übermacht darauf ein, schickte jedoch seinen bewährten General Ruminuahui mit einer Streitmacht in den Rücken der Spanier um diesen im Falle einer Flucht den Weg abzuschneiden.

Am nächsten Tag also zog der Inca mit einer kleinen Streitmacht von etwa 8000 Soldaten nach Cajamarca. Der Tross kam so langsam voran, dass er Mittags immer noch nicht in der Stadt eingetroffen war. Pizarro befahl seinen Männern bereits am Vortag, sich in den leeren Häusern bereit zu halten. Das war dem Inca natürlich nicht entgangen, jedoch wertete Atahualpa dieses Verhalten als Feigheit. Wohl deshalb gab er dem Drängen Pizarros nach und zog noch am Nachmittag in Cajamarca ein.

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Roter Pick-up und die Kathedrale von Cajamarca. Für diese und ähnliche Prachtbauten wurden die Gebäude der Inka als Steinbruch genutzt. Der Kirche fehlen übrigens die Türme. Der Vizekönig von Peru hatte die Idee, auf fertige Gotteshäuser eine Steuer zu erheben. Die Kirche hat immer schon gewußt, wie man sich vor Steuern drückt

Was dann geschah hat wohl jeder schon mal irgendwo gehört/gelesen…

Auf dem leeren Hauptplatz von Cajamarca trat dem Inca Pizarros Feldgeistlicher Vincente de Valverde (in Begleitung eines Dolmetschers) entgegen und forderte Atahualpa auf, sich seiner katholischen Majestät, König Karl I von Spanien (Kaiser Karl V) zu unterwerfen, weil dieser von Gott blablabla. Darauf hin überreichte der Priester dem Inka die Bibel, die Atahualpa wohl für ein Orakelkästchen hielt und – nachdem das Wort Gottes nicht zu hören war – das Buch achtlos oder verärgert in den Staub warf. Diese Blasphemie war ausreichend. Ob nun Pizarro oder Valverde den Befehl zum Angriff gaben – darüber streiten sich die Chronisten. Jedenfalls feuerten die Spanier ihre Arkebusen und zwei Kanonen in die Menge und stürmten mit gezücktem Schwert den Platz. Die Baumwoll- und Lederrüstungen der Inkakrieger dürften den Grüßen aus Toledo kaum etwas entgegengesetzt haben. Nach nicht einmal 30 Minuten lagen 4000 Krieger tot auf dem Platz und Atahualpa war ein Gefangener der Spanier. Die Verluste auf seiten der Konquistadoren sollen – je nach Chronist – einen Toten (ein afrikanischer Sklave) und zwei Verletzte – darunter Pizarro selbst – betragen haben.

Der Rest der Inkaarmee verhielt sich wohl deshalb passiv, weil es keinen direkten Befehl zum Einschreiten gab. Ohne Befehl hätte ein Krieger niemals gehandelt – es wäre sein Todesurteil gewesen. Ruminahui setzte sich mit seiner Streitmacht nach Norden ab, um von Quito aus den Guerillakampf zu organisieren

Pizarro ließ Atahualpa in einem repräsentativen Gebäude an dem Platz internieren und die beiden sollen noch am selben Abend miteinander gespeist haben. Angeblich hat der Inca dem Konquistador bei dieser Gelegenheit gestanden, dass er die Spanier seinerseits zu töten gedachte und sich auf die Visite nur deshalb einließ, weil er neugierig war, wie sich die Spanier aus dieser für sie aussichtslosen Situation zu retten versuchen. Zu dem Zeitpunkt war die Plaza noch mit den Leichen der Getöteten übersät…

Atahualpa fand schnell heraus, worum es den Spaniern eigentlich ging. Und so bot er Pizarro an, den Raum in dem er sich gerade befand, bis zu der Höhe, die er mit gestrecktem Arm erreichen konnte mit Gold zu füllen. Der Raum misst 6,70 mal 5,18 Meter. Was dann folgte, kann als Musterbeispiel für Gehaltsverhandlungen gelten: Pizarro muss es regelrecht die Sprache verschlagen haben. Atahualpa muss das wohl missinterpretiert haben, weshalb der Inca anbot, den Nebenraum in gleicher Weise mit Silber zu füllen. Als Pizarro die Sprache wieder gefunden hatte, merkte er an, dass dieser Raum ja kleiner sei, woraufhin Atahualpa anbot, diesen eben zweimal zu füllen…

Hier sollte man vielleicht erwähnen, dass Edelmetalle für die Inka keinen materiellen Wert hatten, sondern lediglich zur Verherrlichung des Reiches, der Götter und des Herrschers dienten.

Die herbei geschleppten Kultgegenstände wurden an Ort und Stelle eingeschmolzen. Alleine der Wert des Goldes soll (nach Berechnungen aus dem 19. Jhdt) über 150 Millionen Dollar betragen haben. In den zwei Monaten, in denen das Lösegeld herbeigeschafft wurde, ließ Atahualpa neben dem Lösegeld auch Truppen nach Cajamarca beordern. Pizarro muss das klar gewesen sein, und so ließ er den Inca wegen Hochverrats anklagen und zum Tode verurteilen (den Vorsitz übernahm einer der Pizarro-Brüder). Um nicht auf dem Scheiterhaufen zu landen ließ sich Atahualpa (angeblich) eine Stunde vor seiner Hinrichtung noch taufen, bevor er dann auf eben jenem Platz, wo er einige Monate zuvor gefangen genommen wurde, nach guter spanischer Tradition mit der Garotte hingerichtet wurde…

 

Pizarro wandte sich daraufhin nach Süden, wo er genau ein Jahr nach seinem Einzug in Cajamarca die Hauptstadt Cusco kampflos einnahm…

Warum ich das alles erzähle?

Nun, die Geschichte um das Lösegeld des Atahualpa – übrigens das höchste Lösegeld der Geschichte – ist wahrscheinlich die bekannteste Anekdote aus der Zeit der Eroberung Südamerika (ein bisschen Klugscheisserwissen hat noch keinem geschadet)…

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Ein Haus mit Geschichte: die Cuarto del Rescate in Cajamarca

 

Und! Die Cuarto del Rescate – das Haus des Lösegeldes – ist der einzige verbliebene Bau aus der Inkazeit, der in Cajamarca noch zu sehen ist. Zusammen mit einem Rest von Fundamenten ist das Haus im Innenhof eines Kolonialpalastes erhalten geblieben und stellt Cajamarcas bedeutendste Sehenswürdigkeit dar. Der Strich in Höhe von Atahualpas ausgestreckter Hand ist auch noch zu sehen – in einer Höhe von 2,75 Metern….

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„Bis hierher füll ich dir den Raum mit Gold….“

Im deutschschprachigen Raum ist die romantisierte Version der Begebenheit unter dem Titel „Das Gold von Caxamalca“ von Jacob Wassermann aus dem Jahr 1923 bekannt, in der Atahualpa als Prototyp des edlen Wilden den goldgierigen Spaniern gegenüber gestellt wird. An dieser Stelle sollte vieleicht erwähnt werden, dass Atahualpa nach dem Sieg über seinen Halbbruder in Cusco ein Massaker mit über 40000 Toten veranstalten ließ, bei dem auch Kinder und Säuglinge nicht verschont wurden. In der Geschichtsschreibung gilt Atahualpa als der rücksichtsloseste aller Incaherrscher…

 

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