Ans Ende der Welt

Mir läuft die Zeit davon und so entschließe ich mich schweren Herzens, den Nationalpark Torres del Paine von der Liste meiner Ziele zu streichen. Dann halt eben beim nächsten Mal…

Unmittelbar nachdem ich mein Ticket von El Calafate zum Perito Moreno Gletscher bezahlt habe, stehe ich nochmals bei den freundlichen Damen der Empresa Taqusa auf der Matte und lasse mich über Busverbindungen nach Ushuaia beraten. Bei der Gelegenheit werde ich zum ersten Mal mit dem typisch argentinischen Genuschel konfrontiert. Ich dachte ja, dass ich nach fast 5 Monaten wenigstens etwas Spanisch verstehen könnte, aber hier setzt´s dann doch aus: denn wer hinter „Rischogascheschoh“ die Hauptstadt des Departamento Güer Aike auf Anhieb erkennen kann, dem sei meine Bewunderung gewiss.

Um drei Uhr morgens entere ich also den Bus nach Südwesten und wache knapp vier Stunden später wieder auf, als wir gerade auf den etwas heruntergekommenen Terminal von Rio Gallegos („schsch“) einbiegen.

Ushuaia liegt im argentinischen Teil von Feuerland. Der Weg dorthin führt durch chilenisches Staatsgebiet, das heißt, es erwarten mich zwei Grenzübertritte. Die Prozedur beginnt bereits am Terminal. Jeder Fahrgast muss mit Passnummer und Namen auf einer Liste registriert werden. Während ich gen Süden rolle, ist die obligatorische Zolldeklaration für Chile auszufüllen. Nach einer Stunde ist die Grenze erreicht. Um nur ja kein Obst nach Chile zu schmuggeln, wird der Frachtraum des Busses verplombt, das Handgepäck kommt in den Scanner. Noch kurz ausstempeln und nach läppischen 90 Minuten geht es weiter zur argentinischen Grenzstation, um wieder einen Einreisestempel zu sammeln.

Für einen EU-Europäer sind solche Prozeduren geradezu befremdlich – ich erinnere mich aber noch dunkel an die Stunden im Stau an der Grenze, wenn es zum Familienurlaub an die obere Adria ging. Seltsam – es soll ja Leute geben, die sich solche Zustände bei uns zuhause zurück wünschen. Die verreisen wohl nicht so gerne…

Nach einer knappen halben Stunde hält der Bus ein weiteres Mal: diese Grenze ist jetzt aber eine natürliche. Ich bin am Rand des südamerikanischen Kontinents angekommen – vor mir liegt die Magellan-Straße…

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Die Magellan-Straße: rechts Südamerika, links Feuerland

Mit einer Autofähre geht es auf die andere Seite. Scharben zischen vor dem Schiff hin und her, im Wasser dümpeln ein paar Magellan-Pinguine. Und ich stehe am Bug und versuche mir vorzustellen, was sich der erste Weltumsegler der Geschichte wohl gedacht haben muss, als er und seine Mannschaft sich durch diese Engstelle in der nach ihm benannten Straße durchgetastet haben, immer in der bangen Hoffnung, dass die trüben Fluten auch weiterhin aus Salzwasser bestehen…

Und dann ist es soweit: die Fähre legt am anderen Ufer an. Ein Schild weist drauf hin, wo ich mich jetzt befinde…

Was schwingt in diesem Namen nicht alles mit? Ferne, Abenteuer, ungezähmte Natur, der Ruf der Antarktis und was weiß ich noch alles – das Ende der Welt eben.

Der Nordteil von Feuerland ist eine flache Pampa. Das Wetter wechselt im 15 Minuten Takt und zaubert dramatische Lichtstimmungen in die Landschaft.

Nach etwa zwei Stunden ist die Grenze erreicht: Raus aus dem Bus, Anstellen, Ausreisestempel Chile, Plomben entfernen, rein in den Bus, weiter zur argentinischen Grenze, raus aus dem Bus, Anstellen, Einreisestempel Argentinien, rein in den Bus, weiter…

Vor dem Fenster ändert sich die Landschaft: Die eintönige Pampa wirft sich zu Hügeln auf, Wälder treten an die Stelle des Graslandes. Ganz im Süden bietet Feuerland noch mal alles auf, was Patagonien so reizvoll macht: mit Bartflechten behangene Südbuchen bilden dichte Wälder, aus denen schroffe Berge heraus ragen, in den Tälern liegen dunkle, fjordartige Seen und über allem leuchtet eine tief stehende Sonne in diesem eigenartigen Licht, das nur an Orten zu finden ist, an denen die Sonne auch spät nachts noch scheint.

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Noch einmal geht es durch ein enges Tal, dann öffnet sich der Blick auf den Beagle-Kanal; eine Stadt klebt am Hang zwischen vergletscherten Gipfeln und dem Meer: das Ende der Ruta 3 – der „Ruta Antartida“: ich bin in Ushuaia, der südlichsten Stadt der Welt, am Ende aller Straßen…

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Der Hafen von Ushuaia, in der Mitte der Beagle-Kanal – benannt nach jenem Schiff, mit dem Charles Darwin hier durch gesegelt ist – und im Hintergrund die Dientes de Navarino

Feuerland ist Pionierland und gleich hinter Ushuaia beginnt die Wildnis. Und so breche ich ein letztes mal auf: Mein Ziel ist das Valle Carbajal. Nicht einmal zehn Kilometer von Ushuaia entfernt liegt dieses weltvergessenen Tal. Ein Flüsschen mäandert zwischen Mooren hindurch, an den Bergflanken wuchert Südbuchenurwald. Fällt hier ein Baum um – und das tun sie offenbar häufig – dann bleibt er liegen und vermodert langsam. Das führt dazu, dass sich der Weg wie ein Betrunkener durch dieses Gewirr hindurch windet. Bisweilen komme ich mir vor, als wäre ich in ein Mikadospiel von Riesen geraten.

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In Patagonien weht immer der Wind

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Im Valle Carbajal

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Liegt ausnahmsweise neben dem Weg – zerbröselter Baum im Valle Carbajal

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Hier ist noch ein Weg erkennbar

Irgendwann wurden Biber aus Nordamerika hier angesiedelt, die durch ihre rege Bautätigkeit das Moor in einen Sumpf verwandelt haben. Trotz vieler Spuren bekomme ich keinen einzigen der großen Nager zu Gesicht, dafür entschädigt mich die lokale Vogelwelt mit ihrer Anwesenheit. Drei Tage verbringe ich im Valle Carbajal, in denen mir keine einzige Menschenseele begegnet.

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aufgegebener Biberdamm

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Lama

In Zusammenhang mit Südamerika stellt man sich unter diesem Begriff ja gerne ein langhalsiges Tier vor, die auf hohen Bergen lebt und bei Verärgerung Menschen anspuckt.

Dieser Satz enthält so viele Sachfehler, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll…

Erstens: die andinen Kleinkamele sind nicht eine Art sondern deren vier (aktueller Stand 2017). Nämlich die beiden Wildformen Guanako (Lama guanicoe) und Vikunja (Vicugna vicugna), sowie die beiden domestizierten Zuchtformen Lama (Lama glama) und Alpaka (Vicugna pacos). Der wissenschaftliche Name macht klar, wer von wem abstammt. Allerdings sind alle vier Arten untereinander kreuzbar, was zu einer Vielfalt an fertilen Bastarden führt (und sich mit der Definition des Begriffes „biologische Art“ spießt)

Zweitens: Nur das Vikunja kommt ausschließlich im Hochgebirge (bis 5500 Meter) vor, das Guanako ist vor allem in der Pampa Patagoniens anzutreffen, kommt aber bis in Höhen von 4000 Meter vor. Lama und Alpaka sind als Nutztiere vor allem im menschlichen Siedlungsraum verbreitet – der kann aber schon mal über 4000 Meter hoch liegen.

Drittens: Wenn, dann spucken sich die Lamas höchstens gegenseitig an, z.B. Weibchen, die einen aufdringlichen Hengst auf Distanz halten wollen. Wer im Zoo schon einmal von einem Lama angespuckt wurde (es zählen nur persönliche Erlebnisse, nicht das, was man von jemanden gehört hat!) ist einem fehlgeprägten (d.h. falsch aufgezogenem), meist männlichen Exemplar begegnet – oder das Tier wurde vorher extrem gequält…

Seit meiner ersten Reise nach Südamerika wollte ich unbedingt allen vier Arten der Neuweltkamele persönlich begegnen. Ich musste allerdings bis Feuerland fahren, um das Guanako meiner Fotosammlung hinzuzufügen…

Lama

Cameloide(c)Prötsch-10Das Lama wurde aus dem Guanako herausgezüchtet (vermutlich geschah das mehrfach an verschiedenen Orten) und diente in erster Linie als Lasttier, wozu es in den unwegsamen Gebieten der Anden heute noch eingesetzt wird. Daneben dienen sie als Fleisch- und Wolllieferanten.

 

Alpaka

Cameloide(c)Prötsch-5Nach aktuellen DNA-Analysen stammt das Alpaka vom Vikunja ab (lange Zeit ging man davon aus, dass auch das Alpaka vom Guanako abstammt). Alpakas wurden und werden vor allem wegen ihrer Wolle gezüchtet. Daneben steht in den Restaurants auch Alpakasteak auf der Speisekarte.

 

Guanako

Cameloide(c)Prötsch-13Von allen Neuweltkamelen hat das Guanako das größte Verbreitungsgebiet und ist in allen Grasländern Südamerikas (Pampa und Altiplano) anzutreffen. 50 Millionen Guanakos sollen bei der Ankunft der Spanier in Südamerika gelebt haben. Durch intensive Ausrottungsaktionen vor allem zur Gewinnung von Weideland, ist der Bestand auf etwa 600000 Tiere zusammen geschmolzen. In jüngster Zeit haben einige Viehzüchter in Südamerika begonnen, das besser angepasste Guanako anstatt Schafe auf ihren Estancias zu züchten.

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Vikunja

Cameloide(c)Prötsch-1Das Vikunja ist das zierlichste aller Neuweltkamele. Bereits die Inka nutzten die Wolle der Tiere. Dazu werden die kleinen Herden alle zwei Jahre zusammengetrieben, um die Tiere zu scheren. Die Ausbeute pro Tier beträgt dabei im Schnitt 250 Gramm. Vikunjawolle ist die seltenste und damit teuerste Wolle der Welt. Bei den Inkas war ihre Verwendung nur den höchsten Adeligen vorbehalten.

Wall of Ice

Und der nächste Clickbait…In unser aller liebsten Fantasyserie trennt ja eine Mauer aus Eis die Sieben Königslande von dem von Wildlingen und den Weißen Wanderern bewohnten Norden ab.

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Ganz im Süden des Nationalpark los Glaciares gibt es so eine Mauer aus Eis in real zu bewundern. Tatsächlich liegt hinter dem Wall aber kein frostiges Land, sondern ein Gletscher. Genauer: einer der größten Südamerikas: 30 Kilometer ist der Glaciar Perito Moreno lang – und er ist einer der wenigen Gletscher, die tatsächlich, trotz fortschreitendem Klimawandel, zulegen. Der Gletscher entspringt dem Campo Hielo Sur – dem südlichen patagonischen Inlandeis.

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Die Front erreicht eine Höhe von 40 bis 70 Meter. Wer davor steht, kann dem Knacken und Krachen des Eises lauschen und dem Kalben von neuen Eisbergen zusehen.

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Francisco Pascasio „Perito“ Moreno begegnet einem in Patagonien auf Schritt und Tritt. Er gilt als der (wissenschaftliche) Entdecker Patagoniens. Durch seine auf zahlreichen Expeditionen gewonnenen Kenntnisse (daher der Titel „Perito“: Sachkundiger, Eingeweihter) konnte er die Streitigkeiten zwischen Argentinien und Chile um den Grenzverlauf  entscheidend zugunsten Argentiniens beeinflussen. Für die Argentinier ein Grund, ihn zum Nationalhelden zu verklären – einen Wissenschaftler! Normalerweise wird man ja nur als Militär Nationalheld. Nebenbei hat er außerdem noch die argentinische Pfadfinderbewegung mitbegründet…

Interessanterweise hat Perito Moreno den nach ihm benannten Gletscher nie gesehen.

Der Perito Moreno Gletscher mündet in den südlichen Seitenarm des Lago Argentino und trennt dabei zeitweilig den südlichsten Teil, den Brazo Rico, vom Rest des Sees ab. Dadurch staut sich der Brazo Rico auf mehrere Meter über das Niveau des Lago Argentino auf, bis der Wasserdruck zum Bersten des Eisdammes führt (zuletzt 2016), was alle zwei bis vier Jahre passiert. Dadurch hat der Brazo Rico das Gepräge eines Speicherstausees, allerdings nicht ganz so hässlich…

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Die südliche Kalbungsfront in den Brazo Rico. Rechts im Bild der Stauwall, der bereits wieder das Ufer erreicht hat

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Stauerosion am Brazo Rico

 

 

Und um den Eindruck noch perfekt zu machen, taucht auch noch ein Kondorpärchen auf…

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Kondormännchen am patagonischen Himmel über dem Perito Moreno Gletscher

 

Los Glaciares

… nennt sich der wohl bekannteste Nationalpark Argentiniens. Der Name selbst ist allerdings kaum jemanden außerhalb Südamerikas geläufig. Von den Bergen an seinem Nordende hingegen hat man dagegen irgendwann schon mal gehört: Cerro Fitz Roy und der legendenumwobene Cerro Torre – Sehnsuchtsobjekt und Traumziel von Kletterern und Alpinisten weltweit.

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1000 Meter senkrechter Granit sind mir einen Deut zu viel Herausforderung, ich begnüge mich mit einer Tour am Fuß der Traumberge. Hier in paar Eindrücke:

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Auf dem Weg zur Laguna Torre ragt der Cerro Solo über dem Südbuchenwald auf

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Laguna Torre: rechts der Cerro Techado Negro, der Cerro Torre versteckt sich, wie an den meisten Tagen im Jahr, hinter den Wolken (links)…

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Auf dem Weg zum Fitz Roy – Blick über die Laguna Hija nach Norden

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Da Fitz Roy und I – wegen diesem Ausblick wollte ich nach Patagonien

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Ventoso, todo la vida (windig, das ganze Leben) – Aussage eines Bewohners von El Chalten

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Das Wetter ist mehr als launisch in Patagonien – Schnee am Loma de las Pizarras bis 800 Meter herab

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Glaciar Piedras blancas

Long Way to Argentina

h hätte ja gedacht, dass es eine komplizierte Angelegenheit sei, von Ecuador nach Peru zu kommen, aber Chile und Argentinien stehen da in nichts nach…

In Patagonien ist der öffentliche Verkehr schon deutlich mehr eingeschränkt als im Norden. Da fährt der Bus halt dann nur noch dreimal die Woche und nicht mehr täglich – Erinnerungen an Australien werden wach… Weiters wird nicht jeder Grenzübergang von Bussen bedient und auf der anderen Seite wartet die Einsamkeit der Pampa, wo die Entfernungen zwischen den Siedlungen schon mal monströs sein können. Verständlich, dass da nicht sechs bis acht Verbindungen täglich angeboten werden.

Um also von Coyhaique in Chile ins 800 Kilometer entfernte El Chalten in Argentinien – meinem nächsten Ziel – zu gelangen, ist mal wieder logistischer Aufwand nötig:

Eine Möglichkeit besteht darin, nach Puerto Montt zurück zu fahren – ein Umweg von gut 2000 Kilometer und mindestens 4 Tage Zeitverlust…

Die direkteste Möglichkeit: die Caretera austral bis zu ihrem (aktuellen) Ende in Villa O´Higgins zu fahren und von dort in einer interessanten Jeep-Schiff-Fußmarsch-Schiff-Kleinbus-Variante sozusagen durch die Hintertür nach El Chalten zu gelangen. Geht schneller, ist aber sauteuer…

Einmal pro Woche fährt außerdem ein Bus von Coyhaique nach Commodore Rivadiva an der Atlantikküste. Da kann man unterwegs aussteigen und auf einen durchkommenden Bus auf der Ruta 40 warten – kann aber sein, dass der – was in der Hochsaison durchaus vorkommt – ausgebucht ist und man dann einen Tag irgendwo in der Pampa festhängt. Also unsicher, weil in Chile keine Informationen über argentinische Busverbindungen zu bekommen sind und eine Buchung schon gar nicht möglich ist…

Die vierte Möglichkeit bietet von allem etwas: den Einsatz verschiedener Verkehrsmittel, die Unsicherheit, wie´s jenseits der Grenze weiter geht und eine halbwegs direkte Route durch die Pampa – also genau mein Ding…

 

Schritt eins: Coyhaique nach Puerto Ibáñez

Zwar gibt es in Coyhaique offenbar einige Unternehmen, die die Strecke bedienen, allein, es ist Sonntag und die Büros haben geschlossen. Die Touri-Information kann mir nur mit Telefonnummern dienen (genau gesagt mit einer), aber das hilft mir auch nicht weiter. Ich beschließe, es mit Autostopp zu versuchen, schließlich hab ich ja damit schon gute Erfahrungen gemacht.

Für nahezu die gleiche Strecke, die ich gestern in 90 Minuten zurück gelegt habe, brauche ich heute über vier Stunden und drei Lifts. Aber man liefert mich direkt am Bootsanleger in Puerto Ibañez ab.

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Schritt zwei: Über den Lago Carrera

Die Fähre „Tehuelche“ fährt jeden Tag zu unterschiedlichen Zeiten von Puerto Ibáñez über den Lago Carrera nach Chile chico. Der aktuelle Fahrplan hängt im Hafen des kleinen Ortes aus. Im knapp 130 Kilometer entfernten Coyhaique (das Zentrum der Region) war der Fahrplan in der TI nicht zu bekommen – und die Informationen im Internet vollkommen veraltet.

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Wie dem auch sei, im Jänner 2018 legt die Fähre an Sonntagen um 18.00 Uhr in Puerto Ibañez ab.

Etwas über zwei Stunden später bin ich in Chile chico – laut Eigenwerbung der sonnenreichste Ort im chilenischen Teil Patagoniens – und nur noch fünf Kilometer von der Grenze entfernt.

 

Schritt drei: Über die Grenze – Chile chico nach Los Antiguos

Nach 21.00 Uhr werden keine Fußgänger mehr über die Grenze gelassen. Das erfahre ich aber erst am nächsten Tag. Ich gehe davon aus, dass die Grenzposten nachts ohnehin geschlossen haben und suche mir einen Campingplatz. Dort lerne ich dann ein Südtiroler Pärchen kenne, die in die selbe Richtung wollen.

Zu besseren Zeiten gab es noch einen Transportservice zwischen den Orten, aber der hat aufgegeben – angeblich, weil die Argentinier seit neuestem eine Steuer auf kommerziellen internationalen Personentransport erheben.

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Das Taxi zum chilenischen Grenzposten kostet 3000.- Pesos (rd. € 4.-) und erspart uns gut fünf Kilometer Fußmarsch. Die Formalitäten sind schnell erledigt, man wird aus gestempelt und erhält eine Art Laufzettel. Dann heißt es zum argentinischen Posten zu marschieren. Der liegt zwar genau gegenüber auf der anderen Flussseite, die Straße macht jedoch einen sieben Kilometer langen Umweg.

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Rio Jeinimeni: links Argentinien, rechts Chile

Drüben, jenseits der Brücke über den Rio Jeinimeni, hat jemand mit uns Erbarmen und nimmt uns mit seinem Pickup mit (offensichtlich hat der gute Mann wegen uns umgedreht…).

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Einreise in Argentinien: Stempel in den Pass, die Zollkontrolle wird uns erspart, offensichtlich wollen wir nichts schmuggeln; den Laufzettel zieht die Grenzpolizei ein und weiter geht’s. Am Ortsrand von Los Antiguos werden wir nochmals von einem Pickup eingesammelt…

 

Schritt vier: von Los Antiguos nach El Chalten

Drei Busunternehmen bedienen die Strecke, Abfahrt im 30-minuten Takt zwischen 19.30 und 20.30.

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Die Fahrerin des Pickup entpuppt sich als Fahrkartenverkäuferin und die gute Frau hat angesichts unserer Rucksäcke wohl ein Geschäft gewittert. Um 20.00 Uhr setzt sich der Bus in Bewegung. Im Örtchen Perito Moreno biegen wir auf die legendäre Ruta 40 nach Süden ein. Erwähnenswert sind vielleicht noch die Nandus und Herden von Guanakos, die neben der Straße stehen. Dann verabschiedet sich die Sonne in den kitschigsten Rosatönen und die Nacht senkt sich über die Pampa.

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Als ich am nächsten Morgen aufwache und in einer Kurve aus dem Fenster schaue, erhebt sich vor mir meine persönliche Ikonografie von Patagonien …

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Fitz Roy im ersten Morgenlicht (im Vordergrund der Schatten des Busses)

Barad-dûr

lässt Tolkien im „Herrn der Ringe“ die Elben den „Dunklen Turm“, die Festung Saurons, nennen (und alle Tolkien-Fans werden mir für dieses Click-Baiting jetzt sämtliche Kreaturen Mordors an den Hals wünschen…)

Wie dem auch sei, südlich von Coyhaique erhebt sich ein Berg aus dunklem Basalt, der mit seinen Türmen, Zinnen und Graten durchaus Vorbild für die „Schwarze Festung“ aus Tolkiens Welt sein könnte (auch wenn uns Tolkien eine ziemlich genaue Beschreibung hinterlassen hat…). Insbesondere bei schlechtem Wetter hat der über vegetationslosen Bruchhalden thronende, 2875 Meter hohe Berg etwas durchaus Bedrohliches: der Cerro Castillo.

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Einer der unzähligen Nebengipfel des Cerro Castillo

Die Besteigung bleibt den besseren Kletterern vorbehalten, aber um seine Basis führt ein viertägiger Trek, der es ermöglicht, den Berg von fast allen Seiten zu sehen. Ein weiterer – aus meiner Sicht – großer Vorteil: die Gegend rund um den Cerro Castillo gehört zu den entlegenen in diesem an entlegenen Winkeln nicht armen Land und es sind nur wenige Wanderer, die sich hierher verirren. Ein Umstand, der – im Vergleich zu dem den Hype, der um den Torres del Paine gemacht wird – hinten und vorne nicht gerechtfertigt ist. Aber vielleicht ist das auch ganz gut: so bleibt der Cerro Castillo ein kleines, feines Trekkinggebiet, das von den zweifelhaften Segnungen des Massentourismus hoffentlich noch lange verschont bleibt…

Und weil der Cerro Castillo auch der höchste Berg der Umgebung ist, stauen sich an seinen Flanken die pazifischen Regenwolken. Und so stehe ich eines Vormittags im Niederschlag in Las Horquetas Grandes, einer Straßenkurve der Carretera austral etwa eine Stunde südlich von Coyhaique, schultere meinen Rucksack und überquere auf einer wackeligen Brücke den ersten Bach – es sollte die letzte Brücke für heute sein, nicht aber der letzte Bach…

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Bei Nässe Rutschgefahr – Brücke über den Rio Blanco am Start des Sendero Cerro Castillo

An einer windschiefen, aber offensichtlich noch bewohnten Farm vorbei geht es wieder einmal in den Südbuchenwald. Der Regen macht der Sonne Platz, als ich am Estero de Lima, einem Wildfluss wie aus dem Bilderbuch, ankomme. An diesem entlang geht es weiter nach Süden. Flüsse, die im Tal fließen beziehen ihr Wasser aus Seitenbächen – und die stehen meist im Rechten Winkel zum Hauptgerinne. Die Konsequenz aus diesem geometrischen Gedankenspiel ist, dass ich in den nächsten zwei Stunden nicht weniger als fünf Bäche von ansehnlicher Breite zu durchwaten habe – bisweilen im zehn-Minuten-Takt… Dann verlasse ich den Fluss und erreiche über einen Sattel die Nationalparkgrenze und bald darauf den Rio Turbio. Dessen Bett nimmt so ziemlich das ganze Tal ein – dereinst haben unsere Alpenflüsse auch so ausgesehen, bevor sie denn zu Wasserableitungskanälen degradiert wurden.

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Von einer Böschung zur anderen: das Bett des Rio Turbio

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Manchmal ist es ein wenig mühsam…

 

Am Rio Turbio liegt ein Biwakplatz der Nationalparkverwaltung, auf dem sich wunderbar die Nacht verbringen lässt. Die fängt hier im tiefen Süden allerdings erst gegen 22.00 Uhr an…

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Moos-Smiley im Südbuchenwald

Der nächste Tag sieht mich abwechselnd zwischen Regen und sehr kurzen Trockenphasen auf den Portuzuelo Peñon, einer Passhöhe unter dem Cerro Castillo, klettern. Der Winter hat auch hier seine Spuren hinterlassen: Lawinen haben Teile des Waldes in ein Gewirr aus Stämmen und Ästen verwandelt, die den Weg blockieren.

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Unter diesem Gewirr liegt ein Weg verborgen – Spuren eines langen und schneereichen Winters

Zum Pass ziehen sich Schneefelder hoch, auf denen es sich vergleichsweise einfach über das Blockwerk hochsteigen lässt. Oben presst sich der Wind durch den Sattel und weht mich fast wieder dorthin zurück, wo ich hergekommen bin. Aber auf der anderen Seite wartet Sonnenschein und so stemme ich mich gegen die Böen um ins jenseitige Gletschervorland zu gelangen.

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Der nächste Schauer kommt bestimmt – Blick vom Portuzuelo Penon ins Tal des Rio Turbio

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Gleicher Standort, andere Blickrichtung. Wer sich bisher nichts unter dem Begriff „Wetterscheide“ vorstellen konnte….

Unten wartet ein Gletscherbach darauf, überquert zu werden – allein, die Brücke endet im Bach. Etwas weiter unterhalb hat eine gute Seele ein paar Stämmchen über eine Engstelle gelegt, die allerdings durch den Regen etwas rutschig geworden sind – und ehe ich michs versehe, stehe ich auch schon neben der Brücke bis zu den Knien im Bach und wate fluchend ans andere Ufer.

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Bridge to nowhere…

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Der etwas kümmerliche Ersatz… 30 Sekunden nach dieser Aufnahme stehe ich zwischen dem grünlichen Felsen und der „Brücke“ im Bach…

Wenig später erreiche ich in meinen Stiefeln schwimmend den Campamento El Bosque. Der Zusand des Platzes lässt Raum für eine lange Wunschliste – da mach ich mich lieber wieder davon und steige noch dreihundert Meter auf – sei der Weg auch noch so schlammig…

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Man sollte erst gar nicht versuchen, hier halbwegs sauber durchzukommen….

Zum Ausgleich scheint auf der Königsetappe die Sonne und der Cerro Castillo ragt über der türkisfarbenen Laguna Castillo in den strahlend blauen Himmel.

 

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Laguna und Cerro Castillo

Schutthalden bestimmen den Großteil des Tages. Die Gletscher haben gewaltige Moränen hinterlassen, über die ich auf einen namenlosen Vorberg hinaufsteige. Oben, auf 1675 Meter pfeift wieder ein kräftiger Wind und treibt die ersten Wolken heran. Im Osten reicht der Blick bis zum Lago Carrera und nach Argentinien.

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Fürs Lehrbuch der Glaziologie: die einzelnen Moränen sind hier auch noch farblich unterscheidbar – Schutthalden über der Laguna Castillo, links der Pt. 1675

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Blick Richtung Argentinien

Der Abstieg führt über unangenehm steile Bruchhalden, in denen sich der Weg bisweilen verliert, 800 Meter hinunter in das tief eingeschnittene Tal des Estero Parada. Von dort sind es nur noch ein paar Kilometer durch Südbuchenwald zum Campamento Nueva Zelandia – in Erinnerung an eine neuseeländische Expedition, die in den 70er Jahren hier ihr Basislager hatte.

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Sieht aus wie eine Lesesteinmauer – allerdings können solche Brocken nur Zyklopen aufgeschichtet haben – altes Abflussbett im Tal des Estero Parada

Um den Berg auch noch von der Nordseite zu sehen, gibt es die Möglichkeit, vom Biwakplatz zu einer Gletscherlagune aufzusteigen. Anscheinend reicht es mir für heute noch nicht und so hetzte ich diese 300 Meter auch noch hinauf – das schöne Wetter will genutzt werden.

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Eine fesnsterlose schwarze Festeung – der Cerro Castillo von Norden

Denn der letzte Tag begrüßt mich wieder mit Regen – Nieselregen, um genau zu sein. Jene Art von Niederschlag, die einem beim Aufbruch ja gar nicht so schlimm erscheint und nach 15 Minuten bis auf die Haut durchweicht. Jene Art von Regen, der bis ins Unterholz durchdringt und dieses triefend nass hinterlässt, so dass du nach 10 Metern wie aus einer Dusche wieder herauskommst.

Chiles Nationalparks sind von Zäunen umschlossen, die Weidevieh draußen halten sollen – und während „drinnen“ das Unterholz wuchert, ist der Wald „draußen“ geradezu ein steriler Park…

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Spaziergang im Park…

Die Sonne zeigt sich wieder als es auf den letzten Metern durch Viehweiden geht. Am Endpunkt des Weges findet sich dieses Schild…

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Zum Glück kam ich von der anderen Seite – ich habs erst gesehen, als ich schon über den Zaun war…

Die verbleibenden sechs Kilometer auf einer Piste werde ich von einem freundlichen Ehepaar aus Santiago mit genommen und als ich 15 Minuten später an der Carretera austral den Daumen in den Wind halte, bleibt doch auch gleich der erste Laster stehen, der vorbeikommt…

Gen Süden

Nur 375 Kilometer südlich von Pućon liegt Puerto Montt. Ich war in den letzten Wochen ja schon einmal hier… Puerto Montt ist der Ausgangspunkt für die Carretera Austral, jene Straße, die den großen Süden Chiles erschließt. Erst seit etwas über 40 Jahren existiert diese Straße und es wird noch immer an ihr gebaut. In den nächsten 30 bis 40 Jahren soll das letzte – und schwierigste – Teilstück zwischen Villa O´Higgins und Puerto Natales fertig gestellt werden. Größtes Hindernis: das Campo Hielo Sur: das patagonische Eisfeld – die größte zusammenhängende Gletscherfläche der Südhalbkugel außerhalb der Antarktis…

 

 

Puerto Montt bietet für mich wenig Reizvolles und so stehe ich schon am nächsten Morgen wieder am Busterminal um festzustellen, dass der einzige Bus nach Süden auf die Carretera Austral vor 15 Minuten abgefahren ist… Also ist Flexibilität gefragt und 30 Minuten später bin ich in Richtung Chiloe – der nach Feuerland zweitgrößten Insel Südamerikas – unterwegs, und es heißt, dass die Uhren hier ein wenig langsamer gehen.

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Fährüberfahrt nach Chiloe

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Stelzenhäuser in Castro, dem Hauptort Chiloes

Doch Chiloe ist für mich nur Durchgangsstation. Ich erfahre, dass die Carretera Austral durch einen Bergrutsch unterbrochen ist und der Süden nur noch auf dem Wasserweg zu erreichen ist. Es ist der 30. Dezember – eigentlich wollte ich den Jahreswechsel ja in einem weltvergessenen Nationalpark auf Chiloe verbringen, aber auf einer Fähre durch das chilenische Fjordland ins Neue Jahr zu schippern hat sicherlich auch seinen Reiz…

 

 

Und so mache ich mich schon nach wenigen Stunden wieder auf nach Quellon im Süden Chiloes, um mich und meinen Rucksack zu nachtschlafender Zeit (2.40 Uhr morgens) an Bord der „Queulat“ zu schleppen.

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Die Gepäckfächer an Bord müssen wirklich sehr schmal sein…

In den nächsten 36 Stunden tuckert die Fähre über den Golf von Corcovado und durch die Kanäle und tief eingeschnittenen Fjorde Südchiles, vorbei an einsamen Farmen und winzigen Dörfern inmitten einer Wildnis aus Bergen und Wasser. Es ist jene Region, in der sich Südamerika aufzulösen scheint, um langsam und unmerklich im Pazifik aufzugehen…

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Und so ziehen wolkenverhangenen Berge und menschenleere Wildnis an mir vorüber. Robben heben neugierig den Kopf aus dem Wasser und der eine oder andere Magellan-Pinguin dümpelt neben der Fahrtroute vor sich hin.

 

 

Den Jahreswechsel verbringen wir im Hafen von Puerto Cisnes, von der Besatzung zu Cola und Schwarzwälder Kirsch Torte eingeladen (Alkohol ist an Bord verboten – abgesehen von den Bierlieferungen für die abgelegenen Häfen). Und! Es geht ohne Knallerei ab: ein paar Schiffssirenen heulen kurz auf, irgendwo steigen drei Leuchtkugeln in den wolkenverhangenen Himmel (offenbar hat jemand die Gelegenheit genutzt und seine überlagerten Signalraketen entsorgt), dann legt sich wieder die Nacht über den Fjord.

Eine Stunde nach Mitternacht legt die „Queulat“ wieder ab und macht sich weiter auf ihre einsame Fahrt nach Süden. Am Vormittag des Neujahrstages gehe ich in Puerto Chacabuco an Land um via Coyhaique meinem nächsten Ziel entgegen zu steuern…

Weihnacht unter Araukarien

Nach 22 Stunden Busfahrt stolpere ich am nächsten Morgen 1700 Kilometer weiter südlich aus dem Pullmann-Bus und mein Blick fällt auf von dichten Wäldern bewachsene Berge. Die Gipfel stecken in Wolken, die hier nicht besonders hoch hängen. Ich bin in Pućon – DEM Outdoor- und Touristenzentrum in Südchile.

Der lange und schneereiche Winter hat auch hier seine Spuren hinterlassen: es ist Sommeranfang, doch auf den Pässen liegt immer noch der Schnee. Wie in Bariloche sind viele Wege noch gesperrt. Ich muss mich also mit einer Ausweichtour in den Parque National Huerquehue begnügen…

Die Szenerie erinnert ans Salzkammergut: ein langgestreckter See umgeben von grün bewaldeten Hügeln – der Lago Tinquilca ist Ausgangspunkt für diesen Trek, der mich in vier Tagen – und über Weihnachten – an Bergseen vorbei, zu Thermalquellen und in ein weltvergessenes Tal führen wird.

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Erinnert an den Fuschlsee – der Lago Tinquilca im Nationalpark Huerquehue ist Ausgangspunkt für meinen Weihnachtstrek. Im Hintergrund raucht der Villarica

Und natürlich auch zu den Araukarien (Araucaria araucana), nach denen die gesamte Region, in der ich mich befinde, benannt ist.

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Araukarien (Araucaria araucana)

Araukarien sind Nadelbäume, die – wie die Südbuchen – nur auf der Südhalbkugel vorkommen und in ihrer Verbreitung den Urkontinent Gondwana widerspiegeln (sie kommen mit weiteren Arten auch noch in Australien, Papua und Neukaledonien vor). Wie die Alerce ist auch die Araukarie wegen ihres geraden Wuchses und des hochwertigen Holzes von Kahlschlag bedroht. Bisher ist sie allerdings „nur“ gefährdet.

 

Im Parque National Huerquehue kommt der Baum ab einer Höhe von etwa 700 Metern vor und bildet dort noch große Bestände und auch die Waldgrenze. Und nach den Wochen in der vegetationslosen Wüste freue ich mich natürlich, wieder grüne Bäume zu sehen.

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Im Alter verlieren Araukarien ihre unteren Äste und der Stamm ist dann – etwas armselig – nur im Kronenbereich beastet

Eigentlich sind noch nicht alle Wege geöffnet, doch die Nationalparkranger erkennen in mir wohl jemanden, der bei der Wegfindung keine Probleme hat und lassen mich in das gesperrte Gebiet ziehen. Und so breche ich am 24. Dezember auf, um an Wasserfällen und versteckten Seen in das abgelegene Tal von Renahue zu wandern. Zwar gibt es dort unten keine Araukarien, die man als Weihnachtsbäume nutzen könnte, aber die Szenerie und die Tatsache, dass sich die Sonne erst um 22.00 Uhr verabschiedet entschädigt für das verpasste Weihnachtsfeeling…

Die nächsten beiden Tage führen mich auf selten begangenen Wegen durch die Wildnis. Außer einem Darwinfrosch, ein paar Eidechsen und Spinnen (und gelegentlich einer Kuh) begegnet mir sonst niemand hier. Ein paar Eindrücke…

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Araukarien auf dem Quinchol  – links im Hintergrund der Volcan Lanin

 

Tierwelt

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Darwinfrosch (Rhinderma darwinii) – die Darwin- oder Nasenfrösche kommen nur in den Südbuchenwäldern Chiles und Argentiniens vor und reagieren äußerst empfindlich auf Veränderungen ihres Lebensraumes

 

 

Der Zustand des Weges lässt bisweilen zu wünschen übrig…

 

 

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Sehen aus wie Walgerippe, sind aber verwitterte Araukarienstämme, die hier in der Laguna Huerquehue vor sich in modern

 

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Lost World – Araukarienwald an der Laguna Los Patos

 

Expedition Atacama – Teil 3: Ojos del Salado

Wer den Namen zum ersten mal liest oder hört, schaut zumeist ein wenig verständnislos drein: „Salataugen“? – Doch der Name bedeutet korrekt übersetzt „Salzaugen“ – abgeleitet von den Salzlagunen in den Gletschern.

Doch der Ojos del Salado hat mehr zu bieten als einen kuriosen Namen. Mit 6893 Meter ist er der höchste Vulkan der Erde und der Second Summit von Südamerika – gerade mal 70 Meter niedriger als der Aconcagua.

In den letzten zwei Wochen haben wir uns mit verschiedenen 5- und 6000er auf die Besteigung dieses Riesen vorbereitet. Und auch wenn einen die Besteigung vor keinerlei technische Schwierigkeiten stellt – eine kurze Kletterpassage am Gipfel mal ausgenommen – so ist die Luft dort oben doch schon sehr dünn und die Temperaturen liegen um die -20°C. Alles Bedingungen, die es dem hoffnungsvollen Gipfelaspiranten nicht gerade einfacher machen.

Wenn man auf fast 7000 Meter Höhe hinaufsteigt, begibt man sich immer in eine Ausnahmesituation. Und Ausnahmesituationen sind sehr persönliche Erlebnisse…. Aus meinem Tagebuch:

 

Donnerstag, 14 Dezember – Refugio Murray(4350m)

Nachtrag zum 13. 12.: Erst um 21.15 Uhr werde ich eingesammelt und nach einer Fahrt durch San Pedro, um da noch etwas abzuliefern und dort noch was zu holen und schließlich alles ein- und aufzuladen brechen wir endlich – es ist bereits nach 23.00 Uhr – in Richtung Süden auf.

Abgesehen von einer kurzen Schlafpause fährt Nico die Nacht durch und um 10.00 Uhr haben wir die knapp 800 Kilometer nach Caldera abgespult. Wir halten in dem Hafenstädtchen, um zu frühstücken und alles nicht benötigte Gepäck zu deponieren. Unsere Expedition beginnt also bei 0 Meter am Pazifik…

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Auf dem Weg zum Paso San Francisco

In Copiapo – 70 Kilometer entfernt – sammeln wir César, den zweiten Bergführer und Kletterspezialisten, ein. Dann geht es nach Osten, immer weiter hinein in die Berge. Mitten im Nirgendwo – nach 4 Stunden Fahrt über eine Schotterpiste – dann der Grenzposten.

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Einsamer Grenzposten auf dem Weg zum Paso San Francisco

Allerdings sind es von hier immer noch rund 100 Kilometer bis nach Argentinien… Wir erledigen den Papierkram und rollen auf einer neuen Asphaltstraße weiter. Salzseen, grüne Flussoasen und schneebedeckte Gipfel liegen entlang der Strecke.

 

Das Massiv der Tres Cruzes schiebt sich ins Blickfeld und wird nördlich umfahren. Dann taucht hinter einem Pass ein felsiger Gipfel am Horizont auf: der erste Blick auf den Ojos del Salado…

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Tres Cruzes – drei 6000er in Serie

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Ojos del Salado (re) und El Muerte

Mitten im Nichts zweigt unvermittelt eine Piste ab und nach wenigen Kilometern stehen wir am Refugio Murray, einer Schutzhütte der chilenischen Bergrettung – benannt nach einem Hubschrauberpiloten, der Großartiges bei der Errichtung der anderen Hütten am Ojos geleistet haben soll. Die Hütte ist in erbärmlichen Zustand; überall liegen gut gefüllte Müllsäcke herum. Hier kommt doch jeder mit dem Auto her. Warum nehmen die eigentlich ihr Zeug nicht wieder mit, dass sie gefüllt hierher fahren konnten?

 

Freitag, 15. Dezember – Refugio Atacama (5200m)

Man kann Zeit auch vertrödeln…

In der Nacht tauchen weitere Besucher auf. Drei entpuppen sich als Geologiestudenten, die Proben für ihre Arbeiten sammeln, zwei weitere sind Bergsteiger, die am Morgen Unmengen von Lebensmitteln in ihren Pick-up sortieren.

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Refugio Murray

Um 8.00 sind die meisten von uns wach und wir verprassen den gesamten Vormittag mit Frühstücken. Erst am frühen Nachmittag haben wir das Auto wieder fertig beladen und holpern die 22 Kilometer zum Refugio Atacama. Dort vergeht der Nachmittag mit dem Einrichten des Basislagers und Kochen eines späten Mittagessens. Erst um 18.30 brechen wir auf, um Wasser, Essen und einen Teil der Ausrüstung zum vier Kilometer und 600 Meter höher liegenden Refugio Tejos – dem Hochlager 1 – zu portieren. Ein Guide mit geländegängigerem Pick-up bietet uns an, wenigstens die Wasserkanister – für jeden von uns sind sechs Liter vorgesehen – nach Tejos zu fahren, weil er ohnehin rauf muss.

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Basislager am Refugio Atacama (5200 Meter) – Die dreieckige Hütte wurde erst vor ein paar Tagen vom ExtremeEventsTeam aufgestellt

Der Wind pfeift ordentlich, aber wenigstens geht es entlang der Piste verhältnismäßig einfach aufwärts. Die Sonne verschwindet schon bald hinter den Bergen und es wird empfindlich kalt. Unser Wasser müssen wir die letzten Kilometer selber schleppen, weil ein Büßerschneefeld die Piste versperrt.

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Wie arme Sünder stehen sie da – Büßerschneefeld am Ojos del Salado

Trotz allem sind wir zügig unterwegs – nach zweieinhalb Stunden erreichen wir das Refugio, reservieren vier von den sechs Betten (durch Auflegen der Isomatte, standesgemäß) und machen uns auf den Rückweg.

Wind, Kälte und Höhe haben ihre Spuren bei mir hinterlassen: ich hab Kopfschmerzen, der Puls rast und selbst mit dicker Daunenjacke wird’s mir nicht mehr richtig warm. Für den Abstieg haben wir gerade mal 50 Minuten gebraucht – kein Wunder, dass ich vollkommen fertig bin. Ich frage mich ernsthaft, ob und wie ich den Aufstieg morgen durchhalten soll…

 

Samstag, 16. Dezember – Refugio Tejos (5837m)

Sand, Sand, überall Sand! Der feine Staub findet seinen Weg ja wirklich durch jede Naht. Wozu hab ich eigentlich vor drei Tagen meinen Rucksack gewaschen?

Hier oben scheinen die Nieren anders zu funktionieren. Drei mal muss ich nachts raus – jedes mal eine Überwindung bei Temperaturen um die -10°C – auch wenn über mir die schönste Milchstraße erstrahlt…

Mir geht’s besser, auch wenn ich mich immer noch nicht 100%ig fit fühle. Gestern Abend hatte ich noch ziemlich hohen Blutdruck – ich glaube, der ist immer noch jenseits der 150…

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Piste zum Refugio Tejos – immer den Gipfel im Blick…

Eine andere Gruppe fährt die Piste hinauf und bietet uns an, unsere Rucksäcke mit zu nehmen. Um 14.00 brechen Aleomar und ich auf – unsere beiden Guides folgen mit 25minütiger Verzögerung. Der Weg ist ja bekannt und ich bemühe mich, so langsam wie möglich zu gehen. Ohne Rucksack ist der Aufstieg der reinste Spaziergang. Nach zwei Stunden sind wir am Refugio. Der Aufstieg war genau das, was ich gebraucht habe: Kreislauf beruhigt, Kopfschmerzen weg, Appetit wieder da. Trotzdem verdöse ich den Rest des Nachmittags lieber – morgen geht’s früh raus…

Das Tejos ist mein höchstes Schlaflager ever – wenn auch nicht im Zelt!!

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Nur noch 1000 Meter…

 

Sonntag, 17. Dezember – Refugio Atacama (5200m)

Um 3.00 Uhr heißt es Aufstehen – trotzdem brauchen wir bis 4.45 Uhr bis wir endlich los kommen. Die drei Chilenen, die unsere Rucksäcke im Auto mitgenommen haben, steigen mit uns auf. Im Schein der Stirnlampen geht es zuerst einmal rund hundert Meter eine Art Piste hinauf, dann queren wir einen gefrorenen Wasserlauf und steigen durch Sand und Geröll weiter bergan. Es ist kalt (-20°C) und der Wind tut ein Übriges.

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Blick auf den Incahuasi – Morgenstimmung am Ojos del Salado in 6200 Meter Höhe

Um 6.30 Uhr – pünktlich zum Sonnenaufgang – erreichen 6200 Meter. Ab jetzt stelle ich mit jedem Schritt einen neuen persönlichen Höhenrekord auf. Die Wegspur liegt teilweise unter einem Schneefeld und wir müssen entlang der Abstiegsspuren an dessen Rand aufsteigen. Entsprechend steil geht es nach oben. Erst bei 6500 Meter haben wir das obere Ende des Schneefeldes erreicht und können auf einen etwas flacheren Rücken queren. Ich komme mir vor wie ein 100jähriger. Die Schrittlänge beträgt höchstens noch einen Fuß; die Lunge pfeift, alle paar Meter muss ich stehen bleiben und der Puls rast. Abgesehen davon hab ich aber immer noch keine Probleme mit der Höhe…

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Blick Richtung Refugio Tejos

Schließlich wird der Hang flacher und um 11.15 Uhr erreichen wir die Caldera auf 5700 Meter, wo wir nicht benötigte Ausrüstung (Pickel, Steigeisen etc.) zurück lassen.

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Caldera mit dem Hochpunkt: Cumbre Chileno

Die letzten 150 Meter! Der Weg führt durch ein unangenehmes Trümmerfeld in eine Scharte. Hier wartet die Schlüsselstelle: ein etwa 5 Meter hoher Kamin, gesichert durch ein Fixseil. Jedem Nordalpenwanderer sind solche Kraxelstellen als „nur für trittsichere Bergsteiger“ bekannt.

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Die letzten Meter…

Aber in 6800 Meter Höhe mit Höhenschwindel und 1000 Meter Aufstieg in den Beinen sind ein paar Sicherungsmaßnahmen bestimmt nicht übertrieben. Also heißt es Sitzgurt anlegen und mit der Steigklemme am Seil gesichert hochzuklettern. Oben wartet dann noch ein etwas verblockter Grat und um 13.34 Uhr stehe ich auf dem Gipfel des höchsten Vulkans der Erde, Second Summit von Südamerika: Cumbre del Ojos del Salado: 6893 Meter…

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„Como un Rock Star“ – so der Kommentar von Elena, Betreiberin des Hostal „El Mirador“ in Caldera beim Anblick dieses Fotos

Erst später fällt mir auf, dass nach den Gipfelgratulationen sich jeder in den Windschutz eines Felsens zurück zieht und kaum noch ein Wort gesprochen wird.

Der Abstieg folgt der Aufstiegsroute, die auch jeder für sich alleine meistert. César bleibt zurück um Victor – dem verbliebenen Chilenen (die beiden anderen haben bei 6200 aufgegeben), der unter heftiger Höhenkrankheit leidet – beim Abstieg zu unterstützen.

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Gipfelgrat mit Fixseilen

Ich laufe inzwischen ebenfalls auf Reserve – meine Batterien sind komplett leer, entsprechend langsam bin ich unterwegs. Um 16.30 Uhr erreiche ich das Refugio Tejos und fühle mich, als hätte ich 48 Stunden durchgemacht… Die Chilenen haben ihren Pick-up bis hier herauf geprügelt und wir können die 600 Meter Abstieg bis zum Refugio Atacama auf der Ladefläche, eingekeilt zwischen Rucksäcke, mitfahren.

 

Montag, 18. Dezember – Caldera (Pazifikküste)

Ich hab mehr als 10 Stunden geschlafen…

Beim Aufbruch rollt eine Gruppe amerikanischer Bergsteiger ins Basislager, um Material zum Refugio Tejos zu portieren. Nach eigenen Angaben haben sie sich in den USA akklimatisiert – ich frag mich allerdings wo…

Auch die beiden deutschen Bergsteiger, die im Basecamp gelagert haben, mussten aufgeben – nach Auskunft ihres Guides wegen zu wenig Akklimatisation. Zwei Wochen sind für knapp 7000 Meter wohl zu wenig. Und zum Drüberstreuen erfahre ich auch noch, dass drei Wochen vor unserem Aufstieg ein russischer Bergsteiger in der Caldera um Leben gekommen ist. Angeblich schafft es nur jeder zweite auf den Gipfel. Der Ojos ist ein scheuer Berg, der sich schon auch mal verweigern kann. Auf der Rückfahrt erhaschen wir noch einen letzten Blick – Nebel hüllt den Berg ein – es wird in den nächsten Tagen wohl Schnee dort oben geben…

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Schlechtwetterfront über dem Ojos del Salado

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Schäfchenwolken stehen wie Rauchzeichen über den Tres Cruzes – und scheinen uns Lebewohl zu sagen…

 

Ergänzung:

Nach drei Wochen Wüste hab ich die Nase ziemlich voll von Sand und Staub. Nach der Grillparty in Caldera lass ich mich schon am nächsten Tag nach Copiapo fahren (Aleomar sitzt bereits im Flieger nach Sao Paulo) und lege in den nächsten 22 Stunden 1700 Kilometer zurück (nicht meine längste Busfahrt) um die letzten Wochen meiner Reise in einem Landstrich zu verbringen der auf der Liste der Sehnsuchtsorte eines Outdoorers ziemlich weit oben steht:

Patagonien…

Expedition Atacama – Teil 2: Wüstenvulkane

Der Tag nach den Geysiren gehört der Vorbereitung. In den kommenden sechs Tagen stehen ein paar der höheren Berge im Norden Chiles an…

Entsprechend spät erst brechen wir nach Ollagüe, einem winzigen Nest mitten in der Atacama, dessen Existenz alleine der Eisenbahn und der in Nordchile allgegenwärtigen Minenindustrie zu verdanken ist. Nur ein paar Dutzend Menschen harren hier inmitten von Sand und Staub, eiskalten Nächten und glühend heißen Tagen, aus. Ollagüe wird unsere Basis in den nächsten Tagen sein. Unsere nächtliche Reise durch die Wüste begleitet ein gewaltiger Vollmond.

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Irgendwo in der Atacama beleuchtet ein voller Mond unseren einsamen Weg

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Die Hauptstraße von Ollagüe – im Hintergrund der Aucanquilcha

Hier also wollen wir uns weiter auf unser erklärtes Ziel vorbereiten. Drei (womöglich sogar vier) Berge stehen auf dem Plan.

 

Ollagüe (5871m)

Aleomar hat sich am Vortag den Magen verdorben und verbringt die Nacht und den darauffolgenden Tag bevorzugt auf und über der Kloschüssel. Also sind wir heute nur zu zweit unterwegs.

Der Ollagüe ragt über dem gleichnamigen Örtchen aus der Salzwüste. Bis Mitte der 70er Jahre wurde auf dem Berg in einer Höhe von 5600 Metern Schwefel abgebaut – nahezu ausschließlich von Indigenas aus Bolivien und Peru – nur die konnten in dieser Höhe noch arbeiten. Da der Berg direkt auf der Grenze zu Bolivien steht, wurde natürlich auf beiden Seiten der begehrte Rohstoff in Mengen abgebaut. Nach dem zweiten Weltkrieg bauten beide Nationen Straßen auf den Ollagüe, um den Schwefel mit Lastwagen abtransportieren zu können. Und ebendiese Pisten ermöglichen es heute, den Berg trotz seiner Höhe an nur einem Tag zu besteigen.

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Piste in (noch) gutem Zustand auf 5400 Meter Höhe

Allerdings ist selbst für gute Geländewagen bei 5000 Meter Schluss. Trotz der seltenen Regenfälle wurde die Piste in den letzten 40 Jahren regelrecht weg gespült, Hangrutschungen tun und taten ein Übriges, sodass die Straße teilweise nicht mehr wirklich vorhanden ist.

Der Aufstieg selbst stellt einen vor keine wirkliche Schwierigkeiten – man folge einfach der Piste bis zur ehemaligen Mine. Von dort führt ein Wasserlauf in ein Hochtal zwischen den Gipfeln und dann steige man über den Schutt bis zum Hauptgipfel…

Tatsächlich funktioniert das bei mir nur bis 5500 Meter – immerhin. Darüber wird die Luft dann ganz schnell dünn und die Leistungsfähigkeit mit jedem Schritt weniger. Und allgegenwärtig hier oben ist: Soroche – die Höhenkrankheit, die sich mal wieder in Kopfschmerz und Schwindel bemerkbar macht…

Hat man sich dann nach oben gequält, bietet sich ein grandioser Rundblick: Ein Vulkan reiht sich an den nächsten und im Norden schimmert eine schier endlose weiße Fläche: der Salar de Uyuni.

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Auf dem Gipfel des Ollagüe (5871m) – im Hintergrund Bolivien

Ach ja! Der Ollagüe ist immer noch aktiv und aus seinem Krater dampfen die Fumarolen.

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Fumarolen am Ollagüe

Der Abstieg durch die Vulkanschlacke geht schnell, dann folgt ein nicht enden wollender Marsch entlang der halb verschütteten Piste und schließlich die Rückfahrt mit dem Auto, die bergab zu einer noch größeren Herausforderung wird…

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gemütlicher Abstieg

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Vergleichsweise einfach zu überwindende Stelle bei der Abfahrt

 

Aucanquilcha (6176m)

6000er mit Polizeieskorte

Der Aucanquilcha hat mit einigen Superlativen aufzuwarten: bis 1992 war hier die höchste Seilbahn der Welt in Betrieb – wieder einmal um Schwefel aus der 6000 Meter hoch gelegenen Mine – der höchsten der Welt – abzutransportieren. Das Bergarbeitercamp auf über 5300 Meter ist heute verlassen, gilt aber als der höchste permanent besiedelte Ort in der Geschichte der Menschheit. Ursprünglich wurde das Camp auf 6000 Meter eingerichtet; man musste aber bald bemerken, dass selbst bei den Quechua-Indianern die Leistungsfähigkeit schnell nachließ. Eine wichtige Erkenntnis für die Höhenmedizin…

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Das verlassene Minencamp in 5300 Meter

Auch auf den Aucanquilcha führt eine Straße – mit einer erreichten Höhen von etwas mehr als 6000 Metern sogar die höchste befahrbare Straße der Welt. Heute sind von den ganzen technischen Rekorden nur noch die kläglichen Reste zu sehen. Und wie am Ollagüe holt sich der Berg seine Erhabenheit langsam zurück, indem die Straße nach und nach unter Sand und Geröll verschwindet.

Vier Polizisten aus Ollagüe begleiten uns. Deren Pickup ist allerdings nicht geeignet, sich durch das Geröll der wieder hergestellten Piste am Bergsturz in 5100 Meter zu wühlen. Also stopfen wir sieben Personen samt deren Gepäck in den Jeep und rattern weiter die Piste hoch. In 5400 Meter ist aber auch hier Schluss. Und weil die Serpentinen der Straße großteils unter Sand verschwunden sind, bleiben nur noch Trittspuren, die sich ziemlich kompromisslos den steilen Hang hinauf ziehen.

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200 Höhenmeter pro Stunde – das ist ein guter Schnitt, jedenfalls für uns und nach nur drei Stunden erreichen wir auch schon die Bergstation der ehemaligen Materialseilbahn auf 5800 Meter.

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Überreste des Schwefelabbaus auf 5900 Meter Höhe

Das Gelände wird wieder flacher und selbst die Straße existiert hier oben noch. Um 13.30 Uhr erreichen wir den Scheitelpunkt der Piste und es bietet sich ein grandioser Ausblick. Beim Blick auf den Höhenmesser kommt es bei mir plötzlich zu seltsamen körperlichen Reaktionen und ich bemerke, das mir das Herz jetzt offenbar im Halse schlägt. Irgendetwas schnürt mir die Kehle zu und in den Augenwinkeln sammelt sich Flüssigkeit…

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Seltsam, welche Auswirkungen 4 simple Zahlen auf einen erwachsenen Mann haben können. Zum Glück bin ich nicht alleine, zwei der Polizisten haben soeben ebenfalls das erste mal 6000 Meter überschritten.

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Der Rest ist einfach. Über sanft geneigte Hänge geht es die letzten 150 Meter zum Gipfel hoch (es sei angemerkt, dass dieser Aufstieg auch noch mal etwas über eine Stunde in Anspruch nimmt). Man lässt und drei 6000er-Neulingen den Vortritt und um 14.45 Uhr stehe ich am Gipfel meines ersten 6000er. Man präsentiert sich in chilenischem Nationalbewusstsein…

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Aucanquilcha (6176m) – mein erster 6000er

 

San Pedro (6145m)

Mitten in der nördlichen Atacama – auf halbem Weg zwischen Calama und Ollagüe – ragt der Zwillingsgipfel von San Pedro und San Pablo auf. Auf diese beiden führt allerdings keine Straße, lediglich auf einer sandigen Piste kann man sich dem Berg auf bis 4600 Meter Höhe nähern. Unser letzter Test…

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San Pedro (li) und San Pablo

Hohe Berge besteigt man am Besten langsam und so richten wir uns am Ende der Piste unser Basislager ein, um die Schlafhöhe langsam zu steigern (in Ollagüe beträgt die Höhe „nur“ 3700 Meter). Vielleicht liegt es aber auch daran, dass wir erst am frühen Abend dort eintreffen und den Aufstieg nicht mehr schaffen würden…

Am San Pedro gibt es kein Wasser! Mit dem Auto sind ja selbst größere Mengen einfach zu transportieren, schwieriger wird die Sache aber, wenn es gilt, Wasser für drei Personen und drei Tage auf eine Höhe von 5100 Meter zu bringen…

Beladen mit 30 Litern Wasser, mehreren Kilogramm Verpflegung und der persönlichen sowie der Biwakausrüstung machen wir uns am nächsten Tag auf, das 500 Meter höher liegende Hochlager – Campamento 1 – zu erreichen. Da mein Rucksack der einzige im Team ist, der über ausreichend Kapazitäten verfügt, muss der Rest im Dufflebag transportiert werden.

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Portieren mit dem Dufflebag

Daher zieht sich der Weg entsprechend – was Wunder also, dass wir derart beladen fast 5 Stunden für die an sich kurze Strecke brauchen. Der Abend entschädigt für die vorangegangenen Mühen.

200 Meter über dem Campamento 1 liegt der Sattel zwischen den Gipfeln. Von hier führt der Weg über Schutthalden in Serpentinen langsam höher. Ich fühle mich wie ein ziemlich alter Mann, jedenfalls bin ich mit einer solchen Geschwindigkeit unterwegs. In der Zwischenzeit hab ich´s ja kapiert, dass ich in diesen Höhen nicht gleich schnell unterwegs sein kann wie in den heimischen Nordalpen – obwohl die Versuchung groß ist. Im oberen Teil verschwindet der Pfad im Sand und wir weichen ins Geröll aus, das die Kletterei nicht gerade leichter macht.

Jeder Berg hat einen Gipfel. Der San Pedro hat seinen in 6145 Meter Höhe – etwas über 1000 Meter Aufstieg – und sechs Stunden nach dem Aufbruch stehe ich auf dem Gipfel meines zweiten 6000ers. Auch der San Pedro ist noch immer aktiv: im Norden raucht – deutlich unter dem Hauptgipfel – die Fumarole des zuletzt 1960 ausgebrochenen Vulkans.

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San Pedro (6145m)

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Blick vom San Pedro auf den Paniri

Runter geht´s immer schneller. Die Vulkane in Nordchile sind im Prinzip nichts anderes als große Haufen Vulkanasche und auf deren Flanken lässt es sich prima runterrutschen. Und so stehen wir nach 90 Minuten bereits wieder im Hochlager.

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Abfahrt vom San Pedro – die Länge der Staubfahne lässt erahnen, wie heftig der Wind hier oben bläst

Ein weiterer 6000er im Tourenbuch klingt zwar verführerisch; ein zusätzlicher Tag Pause ist aber noch verführerischer. Ergo beschließen wir, den San Pablo sausen zu lassen und kehren am nächsten Tag nach San Pedro de Atacama zurück, um uns für Größeres vorzubereiten…